Zwei Männer in Betrachtung des Mondes (Leseprobe)

U.: „Mir scheint mit jedem Schritt hinauf, verwandelt der Schmerz in meiner Hüfte sich in Wehmut. Hier, wo ich selbst den Mond von oben sehen kann, möchte ich verweilen.

Schau dir diesen Mond an. Wie sich der Schatten der Erde langsam auf ihn nieder legt. Umrahmt von den Ästen dieser fast leblosen Eiche. Welche Faser hält sie fest an diesem kargen, felsigen Weg? Das Erdreich ist längst ins Tal gespült. Ihre Wurzeln ragen schon empor, grad so, als wäre dieser Mondschein ihre letzte Salbung; bevor eines Vogels Last sie ganz befreit.

Sah ich weiter oben nicht, von jungem Grün behangen, noch saftiges Gewächs? Wie alt wir doch geworden sind.“

B.: „Ich möchte den Blick nicht nach vorne richten. Jetzt noch nicht. Es treibt mich seltsam um. Keiner sprach bis heute aus, was verborgen bleiben musste und uns gleichsam stets verband. Heute, lieber Freund, und ich möchte sagen Freund, denn ich bin nicht mehr der, den du schicken kannst, damit auch deine Hand gewaschen sei; heute will ich sagen, was uns stets zusammen führte. Hier oben, ungeachtet dessen, wer dort unten ich zu sein vermag. Ich gebe zu, von deinem Ruhm habe ich stets profitiert, wie du von meinem Stande. Aber hinter all dem geschäftigen Gelage, war sie es, die immer wieder unsere Wege kreuzen ließ.“

U.: „Ja, das ist es. Es ist stets dasselbe was uns Männer treibt und verbündet. Die Jagt. Wenn des Weibes Schoß die Jagdlust stillt, will keiner Hörner davon tragen. Aber es darf der Revierkampf nur öffentlich gefochten, wenn um die eigne Frau es geht.“

B.: „Mir geht es nicht um Jagderfolg und Manneskraft. Bedeutend, keine Frage, bedeutend auch für mich, der sich weder auf Tod noch Frucht in seiner Gänze eingelassen hat. Beide gehören nur zur Vorderseite der Münze, die unser Überleben sichert. Mir geht es um der Münze hehren Wert und dessen Maß – Liebe, Freundschaft, Demut, die Hingabe und die Freiheit um deret Willen das Wild, das Weib erliegen mag, nicht um die Prahlerei. Öffentlich gab es nichts mit dir zu fechten.“

U.: „Denn mit jedem Streich, gestehe ich dir hier und heute, hätte ich bekannt, was nicht sein darf. Was nicht sein darf, hat seinen Thron allein in mir. Und du Freund, wie ich, verdienst den Adelstitel nur, wenn wir diesen Thron nicht stürzen. Jedes Wort zu viel kommt einem Verrat an uns selber gleich.“

B.: „Vermut ich aber, dass wir zum Scheine nur mit ihrem Namen unsere Schultern schmückten. Wohl um im Mimenspiele zu erfahren, wer ihn denn öfters durfte besteigen.

Hast du sie eigentlich geliebt?“

U.: „Du sprichst von Liebe! Sie, du wusstest immer wen ich meinte, war mir mehr als die schönste Nebensache. Aber Liebe? Sage mir, kannst du die laue Frühlingsnacht noch in deinen Lenden spüren, hier oben über den Nebeln im Tal? Hast du je deine Lust in ihr verschwendet, deine Kraft in sie gepflanzt, so dass du saftig noch Tage später morgens aufgeblüht? Das möchte ich nicht glauben. Niemals hast du sie so begehrt!

Mag sein, hätte ich sie nicht auch betrogen, und das tat ich nur, weil sie mir die Liebste war, ja, um ihrem schmerzlichen Sog zu entgehen, dann hätte ich es irgendwann doch noch mit Ihr wagen müssen. Du konntest sie nur bekommen, weil ich ihr sonst nichts bieten konnte.

Mein wehes Bein pflegte mir am besten meine Frau. Und den Schmerz zu teilen wiegt oft mehr, als nur das Glück.

Die Münze von der du sprichst, diese hart umkämpfte Währung, hat sie ihren Wert nur ganz? Sie, die uns zusammen führte, war frei genug, sich keiner Seite zu unterwerfen.

Mag sein, dass wir beide, auch wenn du es nicht glauben magst, auf der gleichen Seite heimlich fochten. Um Manneskraft ging es auch dir;  der Liebe aber, bist du hinterhergejagt. So wie ich es sehe, hast auch du sie nicht geliebt.“

B.: „Hier nun schau, der Mond, ein strahlender Schleier umgibt den lächelnden Gefährten.“

U.: „…von erdigem Schatten bedeckt, wie vom schwangeren Bauch seiner Liebsten. Nur eine schmale Sichel lässt sein Strahlen unter ihr erahnen. Der Sonne düsterer Schatten – still – zart, rund, voll Leben, wieder und wieder sehne ich es herbei – es schmerzt so sehr; gefesselt bin ich, an mein Heim, den Schmerz, mein Leben. Zu schwach mein Geist, um jemals zu begreifen, wie alles hat geschehen können.“

B.: „Kein Mitleid hatte Sie mit Dir, so wie auch Du nicht mit Ihr. Heute, heute wird auch sie gewiss nach oben schauen, auch wenn nur dieser Mond uns gemeinsam bleibt.“

U.: „Sieh nach vorne, saftig grünt es weiter oben.“

B.: „Ja, ich will es gerne mit dir nach oben wagen, aber als ein anderer als bisher. Ich bin es satt zu debattieren, während der Wirt wieder und wieder über Krieg und Schande seinen Wein ausschenkt, uns zu betäuben.“

U.:„Du hast recht, ein Witz, ein Wort gab viel zu oft das andere, während jener Keim der Liebe längst in Freiheit weilt. Darin liegt, so mag es sein, der alten Eiche Halt. Sturm und Fraß und Frucht haben sie gezeichnet. Was sie noch hält, kann nur in Freiheit sein. Ich beuge mich in Demut, Freund. Der Vogel, findet seinen Platz von ganz alleine.“

B.:„Da schau, der Mond, jetzt strahlt er wie eine Silbermünze in ihren alten knorrigen Armen, und …

U.:„ …schweigt.“

 

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